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Die Klassik hat ein Vermarktungs- und Wahrnehmungsproblem – in den Augen der Jugend, der Klassikkonsumenten der Zukunft kommt sie alt, speziell und eingefahren daher. Alt – klassische Musik wird in „alten Hallen“ von „alten Musikern“ in alten Kleidungsstücken vor altem, konservativen, langweilig gekleideten Publikum gespielt. Speziell – klassische Musik ist für das Popmusikohr anstrengend, denn sie ist nicht eingängig. Eingefahren – die Darbringung der Musik hat sich nicht weiterentwickelt, sie hat in den Augen der Generation Facebook nichts spannendes, sie ist im heutigen Jargon nicht „sexy“.
David Garrett hingegen ist sexy! Ebenso wie man Mozarts Musik zu seiner Zeit sehr wahrscheinlich als Popmusik bezeichnet hätte, schafft es ein Musiker wie Garrett heute sowohl das klassikferne Publikum als auch Klassikfans zu begeistern. Wo man auch hinschaut, überall Preisverleihungen und Begeisterungsstürme, es entwickelt sich geradezu eine Garretmania. Im Web 2.0, zum Beispiel bei Youtube schwärmen die User mit Aussagen wie „den will ich heiraten“ bis hin zu „Sehr schön anzuhören und anzusehen! Mitreißend, zum Träumen, macht Lust auf Musizieren“. Wer hat das je zuvor geschafft? Nun werden eingefleischte Klassik-Liebhaber protestieren: „Das ist doch keine klassischen Musik“. Meine Antwort: Jein. Garrett interpretiert klassische Musik modern wie Popmusik, im Moment schafft kein anderer Klassikinterpret den musikalischen Spagat: Er spielt Klassik und Pop in einem Konzert, auf einem Album, in einer TV-Show und wird umjubelt.
Ganz anders seine Vorgängerin am Klassikhimmel Anna Netrebko, ein neuer Typ von Opernsängerin, die es schafft, über Aussehen, Style, Storytelling , Image und Videoclips und last but not least einer brillanten, anziehenden Stimme das Publikum in die Opernhäuser Europas strömen zu lassen. Sie war und ist erfolgreich – für sich selbst und für die Musikindustrie. Die Vermarktung der Sopranistin hat ordentlich Geld in die von Ebbe bedrohten Kassen des Business gespült. Doch hat sie neue Zielgruppen für die klassische Musik begeistern können? Ich meine nicht. Doch gewissermaßen ist Garret ohne Netrebko nicht vorstellbar, denn auch Garret setzt auf die Vermarktungsmechanismen der Popmusikindustrie.
Werfen wir noch einen Blick zurück: Mit Andre Rieu, einem Kitschgeiger ohne gleichen, schickte sich das Klassikbusiness in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts an, einen neuen Interpreten klassischer Musik zu erschaffen und neue Zielgruppen zu erschließen. Ein ähnliches Derivat war und ist Rondo Veniziano, die Barockmusik mit Schlagzeug und E-Gitarre unterlegen und sich zu allem Überfluss auch noch in Rokokkokokostüme schmeißen. Das tat und tut der klassischen Musik an sich nicht gut. Sie wurde zu einer Art volkstümliche Musik verstümmelt, Rieu’s Kreationen und Vivaldis herrliches Violinkonzerte „Vier Jahreszeiten“ lief fortan bei jedem Italiener rauf und runter. Den Verkaufszahlen waren diese Experimente nicht abträglich, die Jugend wurde mit so viel Borniertheit jedoch meilenweit in die Flucht geschlagen.
Die entscheidende Frage ist heute, was hat die Klassik von solchen Experimenten? Ich empfinde David Garrett als extrem hilfreich, klassikferne Gruppen, Generationen und gesellschaftliche Schichten an diese schöne, aber oftmals nicht einfach anzuhörende heranzuführen. Wenn jetzt das Beispiel noch Schule macht, eigene Klassikkonzerte für ein junges Publikum ab 22 Uhr einzuführen, dann stehen der Klassik gute Zeiten bevor.
Kommentare:
CD-Aufnahmen mit David Garrett: [url=/music/show/id/291574]David Garrett: Virtuoso![/url] [url=/music/show/id/234431]Echo der Stars 2008 - 'Best of Klassik 2008'[/url] CD-Aufnahmen mit Anna Netrebko: [url=/music/show/id/313407]Anna Netrebko - Souvenirs[/url] [url=/music/show/id/242458]Anna Netrebko - The Woman, the Voice[/url] weitere [url=/search/advancedSearch/searchtext/anna+netrebko/checkbox%5Bmusicjpc%5D/1/advanced_search/1]Aufnahmen von Anna Netrebko[/url]