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13.4.2010 13:42

Münchener Bach-Chor

Packende Tragödie (Michael Stallknecht, Süddeutsche Zeitung, 06.04.2010)

Die Matthäuspassion mit dem Münchener Bach-Chor

Die Aufführung der Matthäuspassion am Nachmittag des Karfreitags, zur überlieferten Todesstunde Jesu, ist ja wesentlich eine säkularisierte Form der zeitgleichen Gottesdienste. Und im Falle des Münchener Bach-Chors selbst schon eine mächtige Tradition. Steht Hansjörg Albrecht am Pult, versteht man unmittelbar, warum. Konsequent deutet er die Passion vom biblischen Text her, als dessen Vergegenwärtigung und Erneuerung im Hier und Jetzt.
Mit geteiltem Chor wie Orchester, dem Bach Collegium München, setzt Albrecht die Doppelchörigkeit radikal um: Während die Chöre als Handlungsträger zupackend direkt agieren, erscheinen die gemeinsamen Choräle durch den mitsingenden Jugendchor klanglich neutralisiert, spiegeln auch altersmäßig eine Gemeinde. Der Dirigent, selbst am Cembalo, verschmilzt schon optisch zur Einheit mit dem dort postierten Evangelisten. Und findet in Daniel Johannsen eine großartige Stimme seiner selbst: Jedes Wort mit Bedeutung füllend, ist Johannsen - wie einst an gleicher Stelle Peter Schreier - der seltene Fall eines Tenors, bei dem Leichtigkeit nicht mangelnde Kraft, sondern wirklich Timbre ist. Der noch junge Sänger verfügt nicht nur über den Mut zu jedem Ausdruck, sondern auch stimmlich über eine Dramatik, die Arioses einzulösen und Rezitative bis zu lastender Schwere zu steigern vermag. Da vergisst man fast, dass die Aufführung für ihr Repräsentationsbedürfnis wohl ein bisschen jung besetzt ist und die Solisten meist noch mit - lösbaren - technischen Problemen kämpfen. Auch wenn Arien-Tenor Julian Prégardien über eine außergewöhnlich klangschöne Mittellage und Elisabeth Kulman über einen selten tiefen Alt verfügt. Jochen Kupfer sucht als Jesus allzu voreilig das Weihevolle, drückt auch stimmlich manchmal nach.
Ansonsten aber beglückt und berührt diese Matthäuspassion wie kaum eine zuvor. Albrecht grenzt klare Szenenbilder ab, denen Arien wie Choräle untergeordnet sind, und überrumpelt immer wieder mit unerhörten Details in Klanglichkeit und Agogik, die nie erzwungen wirken. Der Orchesterklang ist so dicht wie durchhörbar. Über dreieinhalb Stunden hinweg entwickelt Albrecht einen nahezu visionären, stets noch flexiblen Zeitverlauf: Nach einem grandios zügigen ersten Teil verlangsamt er den zweiten zunehmend unerbittlich. Der Hörer wird buchstäblich auf einen Kreuzweg gezwungen, dessen Ende so vorhersehbar wie furchterregend ist. Albrecht begreift Passion als Tragödie. Der langen Pause nach dem Tod Jesu folgt kreisende Klage in aufgehobener Zeit. Als gebe es kein Morgen mehr, keine Auferstehung. Vom Münchener Bach-Chor aber wünscht man sich noch viele solcher Nachmittage.

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