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- Erstellt am: 30.11.2010 15:53
- Beiträge: 2
Wird die Operette wiederentdeckt? Ihre Meinung dazu?
Liebe Forenteilnehmer,
ich habe auf meinem Label FIDELITAS kürzlich eine neue CD zum Thema Operette veröffentlicht.
Wie ist Ihre Meinung zur heutigen und vielleicht künftigen Bedeutung der Operette? Unten als Anregung ein Text aus dem Booklet, der unseren Standpunkt dazu wiedergibt.
Beste Grüße
Thomas Bierling
-------------------------------
Die Welt ist Operette!
Die Ärmste! Womit hat sie das verdient? Sie hat sich doch immer anständig benommen und es nur gut gemeint mit uns! Aber trotzdem haben wir ihr so Unrecht getan. Sie hat unsere Lust angestachelt, uns zum Lachen gebracht, zum Weinen, zum Nachdenken, das Leben erleichtert, uns den Spiegel vorgehalten und auch immer viel Geld mit nach Hause gebracht.
Doch wir waren nur undankbar, haben sie schwer missbraucht: Wir haben ihr die Zähne gezogen, sie in billige und schmierige Gewänder gesteckt, ihre intellektuelle Brillanz und ihren Witz hinter geistlosen Späßen versteckt, ihre wahre Liebe und ihre prickelnde Erotik mit Füßen getreten und sie gezwungen, für uns auf den Strich zu gehen. Und am Ende haben wir sie auch noch gesteinigt für das, was wir ihr angetan haben.
Wer ist es, die so schmählich behandelt wurde? Sie natürlich – sie, die Operette!
Aber es besteht noch Hoffnung. Denn wie jede starke Persönlichkeit hat auch sie einen unbändigen Überlebenswillen. Das gibt uns die Chance, sie nicht nur wieder gesund zu pflegen, sondern sie in aller Stärke, Pracht und Schönheit wieder mitten in unserem Leben zu haben.
Es ist leider wahr: Die Operette genießt in den Kreisen der „Hochkultur“ nicht unbedingt den besten Ruf. Doch Jahrzehnte der Fehlinterpretation, der Missachtung durch die Kritik und der Liebe durch das falsche Publikum konnten dieser heiter-rebellischen Kunstform nichts anhaben. Oder, anders formuliert: Was kratzt es die Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt?
Die Eiche steht immer noch, und sie treibt auch in diesem Jahr wieder neue Blätter aus. Denn wer die Operette ob ihrer meist vordergründig erscheinenden amüsanten Handlung als die kleine Schwester der Oper schmäht, der verkennt die tieferen Bedeutungsebenen, die sich oft erst in Kenntnis des historischen Kontextes als gekonnte zeitkritische (und zeitlose) Gesellschaftssatiren offenbaren, die in geradezu kabarettistischem Gewand daherkommen. Doch im ‚Tausendjährigen Reich’ wurde die Operette ‚gesäubert’, von allen schlüpfrig-anzüglichen oder gar politischen Anspielungen befreit und zu einem harmlosen Vorläufer wein- und heimatseliger Musikantenstadl-Unterhaltung umgedeutet. Umso trauriger, daß das biedere Nachkriegsdeutschland diese Tradition nur allzu gerne fortführte, was dann leider auch nur von dem entsprechenden Publikum goutiert wurde.
Kein Wunder, daß spätestens in den 70er Jahren auch der letzte 68er-geprägte Kulturkritiker die Operette als letzte Bastion spießig-reaktionärer Heiler-Welt-Romantik brandmarkte und rechts liegen ließ.
Verständlich zwar, aber ihr habt euch geirrt! Operette ist subversiv. Operette ist politisch. Operette ist erotisch. Operette ist geil!
Aber nur, wenn man damit umzugehen versteht. Wenn man es schafft, den Ballast der vermeintlichen Tradition mutig über Bord zu werfen. Wenn man sich auf die wahren Wurzeln des Genres zurückbesinnt.
Und genau das ist Manfred Müssauer mit der Donau Philharmonie Wien gelungen. Schlanke, transparente Interpretationen, von überflüssigen und störenden Schnörkeln befreit, bar jeglichen Kitsches. Dafür aber pralle Musikalität mit echten, oft doppelbödigen Gefühlen fernab jeder aufgesetzten Sentimentalität.
Die beiden Solisten Gabrielle Heidelberger und Armin Kolarczyk erweisen sich geradezu als Idealbesetzung für dieses Vorhaben. Viele weltbekannte Opernstars sind an ihrer unvermeidlichen, weil verkaufsfördernden Operetten-CD schon grandios gescheitert, weil sie trotz aller Sangeskunst den Nerv des Genres nicht zu treffen vermochten, zu wenig schauspielerisches oder gar kabarettistisches Talent besaßen, oder den hintersinnigen Humor weder liebten noch verstanden. Man hört zwar schöne Melodien, doch jede sprachliche oder musikalische Pointe wird bis zur Bedeutungslosigkeit glatt gebügelt. Nicht ohne Grund wurden Operettenrollen früher oft mit Schauspielern besetzt, die das Manko der fehlenden Gesangsausbildung durch ihre darstellerischen Fähigkeiten oft gut kompensieren konnten.
Aber bei diesen Aufnahmen haben wir es mit dem seltenen Glücksfall zu tun, daß sich Gesangskunst höchsten Niveaus paart mit einer einzigartigen Ausdrucksfähigkeit und Sprachverständlichkeit; mit Witz, Esprit und schlitzohrigem Komödiantentum; mit Erotik und Romantik, aber nie ohne ein Augenzwinkern im rechten Moment. Oft möchte man lachen und weinen zugleich, aber nie kann man teilnahmslos bleiben.
PS: Kann man im 21. Jahrhundert noch eine Operette schreiben? Man kann nicht, man muss! Das meinen jedenfalls Thomas Bierling und Konstantin Schmidt, die zur Zeit an einer Operette über die badische Großherzogin Stéphanie de Beauharnais arbeiten, die als Adoptivtochter Napoleons mit dem badischen Herrscher verheiratet wurde und, wenn die Gerüchte denn stimmten, die Mutter des Kaspar Hauser wäre. Ein Duett dieser in Entstehung befindlichen Operette ist hier bereits aufgenommen worden. Es schildert die Geburt des Thronfolgers und den (historisch verbrieften) Namensstreit zwischen Karl und Stéphanie, die das Kind doch gerne Gaspard genannt hätte. Was im badischen Fürstenhause natürlich undenkbar war. In welcher anderen Kunstform als der Operette kann man solchen Vorgängen gerecht werden, die auch zweihundert Jahre später noch die Menschheit beschäftigen?
ich habe auf meinem Label FIDELITAS kürzlich eine neue CD zum Thema Operette veröffentlicht.
Wie ist Ihre Meinung zur heutigen und vielleicht künftigen Bedeutung der Operette? Unten als Anregung ein Text aus dem Booklet, der unseren Standpunkt dazu wiedergibt.
Beste Grüße
Thomas Bierling
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Die Welt ist Operette!
Die Ärmste! Womit hat sie das verdient? Sie hat sich doch immer anständig benommen und es nur gut gemeint mit uns! Aber trotzdem haben wir ihr so Unrecht getan. Sie hat unsere Lust angestachelt, uns zum Lachen gebracht, zum Weinen, zum Nachdenken, das Leben erleichtert, uns den Spiegel vorgehalten und auch immer viel Geld mit nach Hause gebracht.
Doch wir waren nur undankbar, haben sie schwer missbraucht: Wir haben ihr die Zähne gezogen, sie in billige und schmierige Gewänder gesteckt, ihre intellektuelle Brillanz und ihren Witz hinter geistlosen Späßen versteckt, ihre wahre Liebe und ihre prickelnde Erotik mit Füßen getreten und sie gezwungen, für uns auf den Strich zu gehen. Und am Ende haben wir sie auch noch gesteinigt für das, was wir ihr angetan haben.
Wer ist es, die so schmählich behandelt wurde? Sie natürlich – sie, die Operette!
Aber es besteht noch Hoffnung. Denn wie jede starke Persönlichkeit hat auch sie einen unbändigen Überlebenswillen. Das gibt uns die Chance, sie nicht nur wieder gesund zu pflegen, sondern sie in aller Stärke, Pracht und Schönheit wieder mitten in unserem Leben zu haben.
Es ist leider wahr: Die Operette genießt in den Kreisen der „Hochkultur“ nicht unbedingt den besten Ruf. Doch Jahrzehnte der Fehlinterpretation, der Missachtung durch die Kritik und der Liebe durch das falsche Publikum konnten dieser heiter-rebellischen Kunstform nichts anhaben. Oder, anders formuliert: Was kratzt es die Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt?
Die Eiche steht immer noch, und sie treibt auch in diesem Jahr wieder neue Blätter aus. Denn wer die Operette ob ihrer meist vordergründig erscheinenden amüsanten Handlung als die kleine Schwester der Oper schmäht, der verkennt die tieferen Bedeutungsebenen, die sich oft erst in Kenntnis des historischen Kontextes als gekonnte zeitkritische (und zeitlose) Gesellschaftssatiren offenbaren, die in geradezu kabarettistischem Gewand daherkommen. Doch im ‚Tausendjährigen Reich’ wurde die Operette ‚gesäubert’, von allen schlüpfrig-anzüglichen oder gar politischen Anspielungen befreit und zu einem harmlosen Vorläufer wein- und heimatseliger Musikantenstadl-Unterhaltung umgedeutet. Umso trauriger, daß das biedere Nachkriegsdeutschland diese Tradition nur allzu gerne fortführte, was dann leider auch nur von dem entsprechenden Publikum goutiert wurde.
Kein Wunder, daß spätestens in den 70er Jahren auch der letzte 68er-geprägte Kulturkritiker die Operette als letzte Bastion spießig-reaktionärer Heiler-Welt-Romantik brandmarkte und rechts liegen ließ.
Verständlich zwar, aber ihr habt euch geirrt! Operette ist subversiv. Operette ist politisch. Operette ist erotisch. Operette ist geil!
Aber nur, wenn man damit umzugehen versteht. Wenn man es schafft, den Ballast der vermeintlichen Tradition mutig über Bord zu werfen. Wenn man sich auf die wahren Wurzeln des Genres zurückbesinnt.
Und genau das ist Manfred Müssauer mit der Donau Philharmonie Wien gelungen. Schlanke, transparente Interpretationen, von überflüssigen und störenden Schnörkeln befreit, bar jeglichen Kitsches. Dafür aber pralle Musikalität mit echten, oft doppelbödigen Gefühlen fernab jeder aufgesetzten Sentimentalität.
Die beiden Solisten Gabrielle Heidelberger und Armin Kolarczyk erweisen sich geradezu als Idealbesetzung für dieses Vorhaben. Viele weltbekannte Opernstars sind an ihrer unvermeidlichen, weil verkaufsfördernden Operetten-CD schon grandios gescheitert, weil sie trotz aller Sangeskunst den Nerv des Genres nicht zu treffen vermochten, zu wenig schauspielerisches oder gar kabarettistisches Talent besaßen, oder den hintersinnigen Humor weder liebten noch verstanden. Man hört zwar schöne Melodien, doch jede sprachliche oder musikalische Pointe wird bis zur Bedeutungslosigkeit glatt gebügelt. Nicht ohne Grund wurden Operettenrollen früher oft mit Schauspielern besetzt, die das Manko der fehlenden Gesangsausbildung durch ihre darstellerischen Fähigkeiten oft gut kompensieren konnten.
Aber bei diesen Aufnahmen haben wir es mit dem seltenen Glücksfall zu tun, daß sich Gesangskunst höchsten Niveaus paart mit einer einzigartigen Ausdrucksfähigkeit und Sprachverständlichkeit; mit Witz, Esprit und schlitzohrigem Komödiantentum; mit Erotik und Romantik, aber nie ohne ein Augenzwinkern im rechten Moment. Oft möchte man lachen und weinen zugleich, aber nie kann man teilnahmslos bleiben.
PS: Kann man im 21. Jahrhundert noch eine Operette schreiben? Man kann nicht, man muss! Das meinen jedenfalls Thomas Bierling und Konstantin Schmidt, die zur Zeit an einer Operette über die badische Großherzogin Stéphanie de Beauharnais arbeiten, die als Adoptivtochter Napoleons mit dem badischen Herrscher verheiratet wurde und, wenn die Gerüchte denn stimmten, die Mutter des Kaspar Hauser wäre. Ein Duett dieser in Entstehung befindlichen Operette ist hier bereits aufgenommen worden. Es schildert die Geburt des Thronfolgers und den (historisch verbrieften) Namensstreit zwischen Karl und Stéphanie, die das Kind doch gerne Gaspard genannt hätte. Was im badischen Fürstenhause natürlich undenkbar war. In welcher anderen Kunstform als der Operette kann man solchen Vorgängen gerecht werden, die auch zweihundert Jahre später noch die Menschheit beschäftigen?
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RE: Wird die Operette wiederentdeckt? Ihre Meinung dazu?
Hier ein Link zu einem aktuellen Interview von mir zu diesem Thema:
http://www.operetta-research-center.org/main.php?task=3&cat=1&sub_cat=1&id=00208
http://www.operetta-research-center.org/main.php?task=3&cat=1&sub_cat=1&id=00208
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